Digitale Aufklärung aus erster Hand: Medienexperte Clemens Beisel zu Gast an Steinwaldschule und Carl-Bantzer-Schule


Neukirchen/Ziegenhain. – Wenn Kinder heute ein Smartphone in die Hand nehmen, betreten sie ein nahezu grenzenloses Universum aus Apps, Chats, Videos und Spielen. Wie komplex – und zugleich riskant – diese digitale Welt ist, wurde in der vergangenen Woche bei einer Veranstaltungsreihe mit dem Medienexperten Clemens Beisel deutlich. Auf Einladung der Steinwaldschule Neukirchen und der Carl-Bantzer-Schule Ziegenhain gestaltete der erfahrene Referent am 12. und 13. Februar 2026 ein umfangreiches Programm für Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler.


Fortbildung für Lehrkräfte: Zwischen Medienkompetenz und Prävention

Den Auftakt bildete am Donnerstag, 12. Februar 2026, eine Fortbildung am Nachmittag an der Steinwaldschule Neukirchen. Hier richtete sich Beisel gezielt an das Kollegium.

Der gebürtige Pädagoge, der seit vielen Jahren bundesweit Schulen besucht und sich auf Themen wie Cybermobbing, Social Media, Gaming und digitale Lebenswelten spezialisiert hat, vermittelte praxisnah, wie rasant sich die Mediennutzung junger Menschen verändert hat. Auf seiner Internetseite clemenshilft.de beschreibt er seine Mission klar: Kinder und Jugendliche sollen lernen, digitale Medien selbstbestimmt und verantwortungsvoll zu nutzen – ohne Angst, aber mit Bewusstsein für Risiken.

In der Fortbildung zeigte Beisel auf, welche Dynamiken hinter Plattformen wie TikTok, Instagram oder Snapchat stehen. Lehrkräfte erhielten Einblicke in aktuelle Trends, in die Funktionsweisen von Algorithmen und in manipulative Design-Elemente, die insbesondere junge Nutzerinnen und Nutzer an die Bildschirme binden.

Dabei ging es nicht um pauschale Verbote, sondern um Aufklärung und Gesprächsstrategien. Wie spricht man mit Kindern über problematische Inhalte? Wie erkennt man Warnsignale bei Cybermobbing? Und wie kann Schule präventiv wirken? Die Diskussionen waren intensiv – und zeigten, wie groß der Bedarf an Orientierung in einer zunehmend digitalisierten Lebenswelt ist.


Elternabend: Staunen, Nachdenken und viele Aha-Momente

Am selben Abend folgte an der Carl-Bantzer-Schule Ziegenhain ein informativer Elternabend. Zahlreiche Mütter und Väter waren gekommen, um mehr über die digitale Welt ihrer Kinder zu erfahren.

Mit eindrucksvollen Beispielen führte Beisel vor Augen, wie groß und unübersichtlich das „Funktionsuniversum“ moderner Smartphones inzwischen geworden ist. Viele Erwachsene staunten nicht schlecht, als sie erfuhren, welche versteckten Kommunikationswege, Zweitaccounts oder algorithmisch gesteuerten Empfehlungsmechanismen hinter scheinbar harmlosen Apps stecken.

Besonders eindrücklich war die Darstellung sogenannter „manipulativer Features“: Endlos-Scroll-Funktionen, Push-Benachrichtigungen, Likes und Belohnungssysteme, die gezielt psychologische Mechanismen ansprechen. Beisel erklärte, dass viele Anwendungen darauf ausgelegt seien, möglichst viel Aufmerksamkeit zu binden – ein Geschäftsmodell, das auf Werbeeinnahmen und Nutzungsdauer basiert.

Dabei gelang es ihm, komplexe technische Zusammenhänge verständlich und zugleich unterhaltsam darzustellen. Immer wieder bezog er das Publikum aktiv ein, stellte Fragen und regte zur Selbstreflexion an: Wie oft greifen wir selbst zum Smartphone? Welche Vorbildfunktion nehmen wir ein?

Der Tenor des Abends: Medienkompetenz beginnt nicht mit Kontrolle, sondern mit Interesse und Dialog.

Workshop für Schülerinnen und Schüler: Ein Blick auf die eigene Bildschirmzeit

Am Freitagvormittag, 13. Februar 2026, stand schließlich der Nachwuchs im Mittelpunkt. In einem gemeinsamen Workshop an der Carl-Bantzer-Schule nahmen Schülerinnen und Schüler beider Schulen teil.

Hier sprach Beisel offen über die Faszination sozialer Medien – und über deren Schattenseiten. Anhand anschaulicher Beispiele zeigte er, wie Plattformen gezielt Mechanismen einsetzen, um Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange online zu halten. Besonders das Thema Vergleichsdruck und Selbstdarstellung löste rege Diskussionen aus.

Ein zentraler Moment des Workshops war die gemeinsame Reflexion der eigenen Bildschirmzeiten. Die Kinder überprüften ihre Nutzungsstatistiken – mit teils überraschenden Ergebnissen. Spitzenwerte von bis zu neun Stunden täglicher Bildschirmzeit wurden sichtbar. Für viele war dies ein Aha-Erlebnis.

Doch statt zu moralisieren, setzte Beisel auf Selbstreflexion: Wie fühlt sich diese Nutzungsdauer an? Was bleibt vielleicht auf der Strecke? Welche Alternativen gibt es? In Kleingruppen tauschten sich die Schülerinnen und Schüler aus und entwickelten eigene Ideen für einen bewussteren Umgang mit digitalen Medien.

Die Atmosphäre war offen und vertrauensvoll. Viele Kinder berichteten ehrlich von ihren Erfahrungen – von Gruppenchats, Gaming-Abenden, aber auch von Stress durch ständige Erreichbarkeit.

Nachhaltigkeit durch Erklärvideos

Ein besonderer Mehrwert der Veranstaltungsreihe: Clemens Beisel gewährte allen Teilnehmenden kostenfreien Zugang zu seinen professionell produzierten Erklärvideos. Diese können in den kommenden Wochen genutzt werden, um die Inhalte zu vertiefen – sowohl im Unterricht als auch zu Hause mit den Eltern.

Die Videos greifen zentrale Themen wie Cybermobbing, Datenschutz, Gaming-Sucht oder Klassenchats auf und bieten konkrete Handlungsempfehlungen. Damit endet das Projekt nicht mit dem Workshop, sondern wirkt nachhaltig in Schule und Familien hinein.

Starkes Netzwerk für digitale Bildung

Organisiert wurde die Reihe von den Lehrerinnen Anne-Katharina Tomiuk (Carl-Bantzer-Schule) und Christina Tintera-Heiwig (Steinwaldschule), die sich im Praxisnetzwerk Digitale Medienbildung engagieren und regelmäßig Fortbildungen zu aktuellen Herausforderungen im Schulalltag initiieren. Finanziert wurden die Veranstaltungen vom Rotary Club Schwalmstadt und Homberg/Efze sowie aus dem Versuchsschulbudget der Steinwaldschule Neukirchen.

Fazit: Aufklärung statt Alarmismus

Die beiden intensiven Tage machten deutlich: Smartphones und soziale Medien sind fester Bestandteil der Lebenswelt junger Menschen. Sie bieten Chancen zur Vernetzung, Kreativität und Information – bergen aber ebenso Risiken.

Mit Fachwissen, Humor und einem klaren Blick für die Realität gelang es Clemens Beisel, Lehrkräfte, Eltern und Kinder gleichermaßen zu erreichen. Sein Ansatz: nicht verteufeln, sondern verstehen; nicht verbieten, sondern befähigen.

Die Resonanz an beiden Schulen war durchweg positiv. Viele Beteiligte äußerten den Wunsch nach einer Fortsetzung – denn eines wurde in diesen Tagen besonders deutlich: Digitale Medienkompetenz ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess.